Vierzehn Monate Schweden

Vier Jahre Schweigen

Es ist schon eine ganze Weile her, genaugenommen fast vier Jahre, seitdem ich das letzte Mal zum Blog-Schreiben kam. Das liegt nicht daran, dass es nichts zu erzählen gäbe. Im Gegenteil: In der Zwischenzeit habe ich mich vom Masteranden zum Doktor der Physik promovieren lassen und bin inzwischen schon das zweite Jahr als Wissenschaftler nach der Promotion (aka, als Postdoc) tätig. Vielmehr liegt die zwischenzeitliche Stille daran, dass sich die letzten Jahre und Monate in einer Weise verdichtet haben, die es schwierig machten, zwischendurch innezuhalten und Dinge festzuhalten, ohne sie dabei entweder zu verkürzen oder ihnen nicht gerecht zu werden.

Jetzt soll einmal kurz dafür Raum sein: Weihnachten steht vor der Tür, dazu noch ein Jahreswechsel. Der Kalender ist ungewohnt (aber doch auch nach Plan) leer. Mein Kopf steckt noch halb im Norden in Schweden, körperlich bin ich in Dortmund, und der Blick zieht bereits deutlich in Richtung Süden nach Spanien. Es ist also ein guter Zeitpunkt, um ein paar Fäden wieder aufzunehmen und einfach mal das letzte Kapitel, mein Leben in Schweden, Revue passieren zu lassen.

Was zuletzt geschah, lässt sich rückblickend erstaunlich geradlinig erzählen, auch wenn es sich im Moment selbst selten so angefühlt hatte: Im Oktober 2024 habe ich in Hamburg meine Doktorarbeit verteidigt und bin dann wenige Tage später nach Uppsala in Schweden gezogen. Die vergangenen vierzehn Monate habe ich dort gelebt. Nun werde ich Weihnachten bei meinen Eltern und zusammen mit meinem Bruder in Dortmund verbringen um dann direkt nach Neujahr nach Valencia zu ziehen, wo ich am IFIC, dem Instituto de Física Corpuscular (Institut für Teilchenphysik), arbeiten werden. Dort werde ich das nächste Kapitel starten.

In der Realität war mein Leben in den vergangenen vierzehn Monaten weniger eine Abfolge klar abgegrenzter Einheiten als vielmehr ein Zustand dauerhaften Übergangs, in dem ich mich regelmäßig dabei ertappte, gedanklich noch im letzten Ort zu stecken, während die Physis doch schon längst woanders war. (Die passende Playlist dazu ist übrigens Panta rhei, die ich vor ein paar Jahren mal kreiert habe. Schaltet sie doch einfach mal beim Lesen ein oder lehnt euch zurück und spürt, wie alles fließt.) Aber fangen wir doch einfach genau am letzten Ort des Aufbruchs an: In Hamburg.

Goodbye Deutschland: Das Ende meiner Promotion

Exakt drei Jahre und zwei Wochen lagen zwischen dem Start und dem Ende meiner Promtion in Hamburg. Ich möchte ein andermal darüber berichten, was in den Jahren der Promotion alles geschah und wie ich letztendlich in die Position kam, nach der Promotion zeitgleich eine Stelle in Schweden und eine Stelle in Spanien anzunehmen. Springen wir einfach direkt ans Ende: Bei der Verteidigung meiner Doktorarbeit, der Disputatio wie man zu sagen pflegt (nicht zu Verwechseln mit dem aufwänderigeren Rigorosum, welches in der Physik heutzutage unüblich ist und von welchem auch ich verschont wurde), wurde durchaus versucht mich - sagen wir es laut - zu roasten. Glücklicherweise stellte sich das jedoch als ein erfolg, wenn nicht gar hoffnungsloser Versuch dar, als ein ambitioniertes Ritual und weniger als eine ernsthafte Gefahr. Es lief summa summarum sehr gut. Am Ende stand ein cum laude auf dem schmucklosen DIN-A4 Blatt, welches ich einen Tag später in meinen digitalen Händen hielt. Natürlich blibt da diese leise, leicht akademisch-absurde Frage im Raum stehen, was eigentlich zum summa cum laude gefehlt hätte – und fast zwangsläufig auch die Anschlussfrage, wen das außerhalb von Promotionsordnungen und Plagiatsvorwürfen bei Politiker:innen überhaupt juckt. Die ehrliche Antwort ist: vermutlich kaum jemanden. So war auch ich voll zufrieden und brach wenige Tage nach meiner Verteidigung auf in die Ferne.

Der Umzug nach Schweden war dann eine jener logistischen Unternehmungen, man könnte sie clusterfuck nennen, die im Moment selbst vor allem anstrengend sind, rückblickend aber doch auch einen gewissen Charme in der eigenen Erinnerung entwickeln. Zehn Umzugskisten per Post (wovon es auch acht tatsächlich schadlos überlebt haben; danke an dieser Stelle auch an Postnord, welche meiner anscheinend zu dürftig verpackten Sammlung an Physikbüchern einen sündhaft teuren Gant-Pullover, der eigenlich nach Helsinki gehen sollte, beigefügt haben und diesen auch nicht wieder habe wollten), das Klavier im Fiat Panda, eine Nacht auf der Fähre von Travemünde nach Karlshamn, dieses eigentümliche Gefühl, morgens früh um fünf aufzuwachen und zu wissen, dass man während des Schlafens von Zentraleuropa nach Skandinavien übergesetzt hat. Danach noch ein halber Tag Fahrt gen Norden in der Black Pearl (der Fiat Panda ist schwarz), vorbei an Landschaften mit verstreuten, rot getünchten Holzhäuschen mit weißen Rändern, bis irgendwann am abendroten Horizont Uppsala erschien und ich wusste: Jetzt ist das hier also erstmal Zuhause.

Uppsala, ich bin in Schweden

Begrüßt wurde ich in Uppsala von meiner deutschen Mitbewohnerin und ihrem schwedischem Freund, der mir auch sofort beim Ausladen des Wagens half. Nachdem mein E-Piano einmal stand (fast keine Kratzer!) und auch die letzte Topfpflanze den Panda verlassen hatte, bugsierte ich den fahrbaren Untersatz auf einen nahe gelegenen Parkplatz. Unsere Wohnung lag mitten im nicht ganz unansehnlichen Neubaugebiet Rosendal. Kurz umrissen, ist Uppsala-Rosendal wohl der feuchte Traum jener Großstadthipster, die gerne neben dem (nach seinem Vornamen “Anton” gennanten) Käse- und Weinhändler auch einen Fahrradladen und einen Food-Truck mit wahlweise Falafel, Burger oder Focaccia neben der Haustür finden wollen, nachdem sie ihr Lastenrad ebenerdig in der Fahrrad-Parkgarage abgestellt haben. Ich gehöre inzwischen wohl auch zu dieser Bubble. (Fürs Lastenrad hat es aber noch nicht gereicht.) Dieser links-grün-versifften Umgebung war es dann auch zu verdanken, dass ich das Auto nur in zehnminütiger Entfernung der Wohnung abstellen konnte; zugegeben ungewohnt für jemanden aus Dortmund und doch ähnlich wie in Hamburg, wenn auch dort vielweniger bedingt durch grüne Stadtplanung als durch maximale Parkplatzauslastung in der Innenstadt. Dies stellte dirket zu Beginn einfach einen kleinen Unterschied dar, der sich im Laufe des Jahres noch bemerkbar machen sollte: In diesem Zeitraum habe ich das Auto nur bewegt um es vor dem Batterie-Tod zu bewahren. (Inzwischen bin ich fast erleichtert, dass mir der Panda nicht mehr gehört.)

Das beste an Rosedal sind aber wohl nicht die ausgelagerten Parkplätze, sondern der direkt angrenzende Wald. In Hamburg hatte ich mich drei lange Jahre darüber beschwert, dass es keinen Wald gab. Nun lag er direkt neben der Haustür. Und davon nicht genug: Im Wald, Stadskogen genannt, gibt es sogar eine bei Nacht beleuchtete Laufstrecke. Nicht, dass ich nun unter die Läufer gegangen wäre, nein. Und doch ist es für mich ein Indiz davon, was mit Steuergeld so alles möglich ist, wenn ein Staat möchte, dass die Bürger auch im (skandinavischen, ergo: sehr dunklen) Winter das Haus verlassen und Sport treiben sollen. Einfach großartig, dass das geht.

L’inverno: Allegro non molto

Wenige Tage nach meiner Ankunft in Schweden informierte mich eines Abends meine Mitbewohnerin, dass draußen ganz eventuell die Polarlichter zu sehen seien. (Es gibt da so Facebook-Gruppen, die im richtigen Moment zum Leben erweckt werden, wenn es am Himmel leuchtet.) Das sollte genug Motivation für mich sein, mich sofort aufzumachen, dick eingepackt mit Schal, Mütze und Handschuhen. Ich ging zum Waldrand. Und tatsächlich! Am Horizont waberte ein nebliges Leuchten hin und her. Ich blieb bestimmt eine halbe Stunde dort, versuchend den Moment auf der Handykamera und mit vor Kälte zitternden Fingern festzuhalten. Zugegeben, auf dem Foto erscheint das Polarlicht, die Aurora borealis, wie der Wikipedia-Nerd zu sagen pflegt, nochmal um einiges imposanter als in natura. Dennoch war ich ganz fasziniert und glücklich, direkt zu Beginn so einen Glückstag gehabt zu haben. Leider habe ich seitdem auch keine Polarlichter mehr gesehen. So viel Ehrlichkeit muss sein.

Polarlichter am Waldrand in Uppsala

Der erste Winter in Schweden zeigte sich insgesamt von einer erstaunlich klaren Seite: Viel kalter Himmel, scharfe Konturen, wenig Grau. Ein Santa-Lucia-Konzert, bei dem meine Mitbewohnerin Laura sang, gehörte zu diesen Momenten. Ich war zu der Zeit noch mit dem Scooter in Uppsala unterwegs, während alle anderen selbstverständlich Fahrrad fuhren, egal ob es glatt war, schneite oder einfach nur stockdunkel war. Es funktionierte. Offenbar funktioniert in Schweden sehr vieles einfach.

An dieser Stelle lässt sich eine Abschweifung kaum vermeiden, denn über Schweden selbst ließe sich ein eigener Text schreiben. Mein Eindruck ist nach dieser Zeit, dass im Grunde jedes gängige Stereotyp stimmt – allerdings vor allem die über Deutsche. Nur dass sie auf Schweden fast noch besser passen. Es ist ein bisschen so, dass sich Italiener zu Deutschen verhalten wie Deutsche zu Schweden. Die soziale awkwardness erreicht dort eine ganz eigene Qualität.

Ein Erlebnis hat sich mir besonders eingebrannt: Ein Kletterfreund – ich würde ihn so nennen nach drei, vier gemeinsamen Boulder-Sessions – begegnet mir im Supermarkt. Wir sehen uns, eindeutig, mehrfacher Blickkontakt. Und dann: nichts. Kein Grüßen, kein Nicken, kein Zeichen des Wiedererkennens. Stattdessen, nervöses Wegrennen vor mir an der Supermarkt-Selbstbedienungskasse. Man lernt schnell, das nicht persönlich zu nehmen, und doch bleibt es bemerkenswert, wie konsequent soziale Interaktion dort vermieden wird, wo sie nicht promoziert ist. Noch nie habe ich so eine Stille im ÖPNV genossen, wie dort - ein durchaus positiver Nebeneffekt.

Trotzdem, und das ist mir wichtig, ist mein Gesamtbild der Schweden ein sehr positives. Mir sind alle, wirklich alle, grundsätzlich wohlgesonnen begegnet. Freundlich, respektvoll, aufmerksam. Gleichzeitig hatte ich oft den Eindruck, dass sich niemand so recht um irgendetwas kümmern möchte. Verantwortung wird selten proaktiv übernommen, man hört gut zu, denkt nach, bildet sich eine Meinung – und behält sie dann häufig auch für sich. Konfliktvermeidung scheint dabei weniger Schwäche als vielmehr kulturelles Ideal zu sein.

Im Büro habe ich in dieser Umgebung (neben viel Physik) vor allem eines gelernt: zwischen sehr unterschiedlichen Charakteren zu kommunizieren. An dieser Stelle nur so viel: Ich habe für mich festgestellt, dass ich mich selbst dann am besten fühle, wenn ich Verantwortung und Führung bewusst übernehme, um mir in den entscheidenden Momenten erlauben zu können, ohne Vorbehalte und ohne schlechtes Gewissen Nein zu sagen, wenn mir etwas nicht passt.

Der Frühling ließ lange auf sich warten, der Sommer kam dann eigentlich gar nicht erst. Midsommar wirkte auf mich weniger wie ein rauschendes Sommerfest als vielmehr wie ein Frühlingsritual für Kinder – ganz anders als im Horrorfilm von Ari Aster –, während im Rest Europas, oder zumindest in Zentral- und Südeuropa, der Hochsommer spürbar glühte. (Der Froschtanz zu Midsommar - also dem real existierenden Fest - sei dennoch unvergessen.) Im Sommer selbst war ich viel unterwegs, einen Monat lang Lehre in Deutschland, erst bei einer Deutschen SchülerAkademie, dann bei einer Akademie des Cusanuswerks, und dazwischen tatsächlich Sommer, soweit man ihn eben mitnehmen konnte. Sonne habe ich ansonsten vor allem im Urlaub gesehen, beim Surfen an der französischen Atlantikküste, sowie auf Dienstreisen nach Padova und ans CERN.

Der Winter kam dann wieder früh und blieb doch eher ein ausgedehnter Herbst. Bis zu meiner Abreise vor ein paar Tagen – Espressomaschine unterm Arm, zwei Koffer, ein für all das viel zu enges Nachtzugabteil – hat es kein einziges Mal geschneit. Im Dezember gab es insgesamt etwa eine halbe Stunde Sonne, ein Negativrekord, der zuletzt 1938 unterboten worden war. Man kann solche Zahlen nüchtern zur Kenntnis nehmen oder anfangen, Pflanzen um ihre Photosynthese zu beneiden. Ich gehöre dem zuletzt genannten Team an.

Umso mehr genieße ich gerade den Sonnenuntergang um halb vier statt um zwei Uhr nachmittags, den klaren Dortmunder Himmel und dieses leise Gefühl von Rückkehr, das sich einstellt, ohne dass man wirklich bleibt. Ich merke, wie sehr ich mich auf Valencia freue.

Auch fachlich wird es dort spannend werden: Zwei Papers warten eigentlich nur noch darauf, auf dem arXiv zu erscheinen, drei Projekte mit den Leuten aus Uppsala müssen dringend aufgeschrieben werden, und ab Januar werde ich in Valencia mit meinen beiden PhD-Studenten richtig loslegen können. Ich freue mich auf die Diskussionen mit Camilo und dem Rest des Instituts – auch wenn mir nach all der Dunkelheit nachgesehen sei, dass ich gerade vor allem nach Sonne, Licht, ganz banaler Photosynthese und vielleicht einem bezahlbaren Bier nach der Arbeit lechze. In diesem Sinne: Skål!

Geschrieben am 21. Dezember 2025